CateringNachhaltigkeit

Jeden Tag für die Zukunft: Foodbar 4 You aus Köthen

Angefangen als Kiosk hat sich die Schüler:innenfirma in der Freien Schule Anhalt zu einem Hub für Umweltthemen entwickelt – mit immer größer werdendem Erfolg.

An einem Donnerstagmittag im Juli 2022 in der Küche im ersten Stock der Gesamtschule Freie Schule Anhalt in Köthen schneiden die Worte von Lynn Schwarz, zwölf Jahre, eine Schneise der Unzufriedenheit in die ansonsten gute Laune: „Die Mascarpone ist kaputt“, sagt sie. Wenn die Mascarpone nichts wird, wird auch aus der Biskuitrolle nichts. Oder schlimmer noch: Man müsste sie wegschmeißen.

Letzteres, da sind sich alle einig, ist keine Option. Margret Seewald, Lehrerin und Leiterin der Schüler:innenfirma Foodbar 4 you, blickt mit der Autorität einer Chefköchin in die Schüssel. Alles halb so wild, wird schon. Und weiter geht’s, Salat wird geschnitten, Teig angerührt, die vorgekochte Linsenbolognese im Topf erwärmt. Das gemeinsame Kochen ist so etwas wie der Kern der Schüler:innenfirma. In den fünf Jahren seit ihrer Gründung aber hat sie sich gewandelt. Heute ist sie weit mehr als ein Schulkiosk.

© Jörg Farys / DKJS

Begonnen aber hat die Geschichte mit einem Zufall. Vor fünf Jahren traf Margret Seewald bei einem Schülerwettbewerb in Sachsen Anhalt auf Victoria Witte von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). „Ich habe Margret direkt nach der Veranstaltung gefragt, ob sie nicht eine Schülerfirma gründen wolle“, sagt Victoria Witte. Und sie wollte. Das Konzept der Schüler:innenfirma: 50-80 gesunde Mahlzeiten, jeweils am Dienstag vorgekocht und am Mittwoch abverkauft. Donnerstag ist Buchhaltung. Das Essen wird dabei aus Produkten zubereitet, die möglichst regional, saisonal, artgerecht und Fairtrade sein sollen. So steht es auf dem selbstgestalteten Poster in der Küche. „Wir wollen den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass wir den Markt durch unsere Kaufentscheidung in eine ökologischere Richtung verändern können“, sagt Margret Seewald, die auch Lehrerin für Hauswirtschaft ist. Das passt zum Jahresmotto, das sich die Schule bereits 2019 gegeben hat: „Everyday is for future“ – eine Weiterentwicklung des von Greta Thunberg ins Leben gerufenen Slogans „Friday for Future“.

Der Abwasch als Sinnbild

Es ist ein Ansatz, der wirkt. Lynn Schwarz erzählt, wie die Arbeit in der Schüler:innenfirma ihr eigenes Verhalten verändert hat. „Ich koche für meine Eltern“, sagt sie. „kaufe dafür auch mal etwas teurere Sachen wie Bio-Zitronen – manchmal auch so, dass es meine Eltern nicht merken.“ Während sie erzählt, füllt sich die Spüle, irgendwann gibt es mehr dreckiges Geschirr als Platz zum Abstellen. „Früher habe ich immer gedacht, dass der Klimawandel etwas ist, das andere betrifft“, sagt Lynn. Erst in der Schüler:innenfirma habe sie gemerkt, wozu dieses Denken führe. Wenn jeder auf dem Standpunkt verharre, dass es ihn nichts angehe, würden wir alle alsbald ein noch größeres Problem bekommen. „Das ist wie mit dem dreckigen Geschirr“, sagt sie beim Blick durch die Küche, „Wenn keiner sich für den Abwasch verantwortlich fühlt, bleibt er liegen.“ So wird der Abwasch zum Sinnbild für Klimawandel und Umweltschutz.

© Jörg Farys / DKJS

Wenn ihre Schüler:innen solche Verbindungen herstellen, ist Margret Seewald stolz. „Es war schon immer ein Wunsch von mir, so etwas auf die Beine zu stellen“ sagt sie. Geholfen hat ihr dabei vor allem auch Victoria Witte und die DKJS; mit Workshops zu Ideenfindung mit Design Thinking, Buchhaltung, Geschäftsbereiche oder Marketing und Kooperationen – etwa zu „ErnasLebensMittelPunkt“, einem Unverpacktladen aus Magdeburg. So ist die Schüler:innenfirma über die Jahre immer weitergewachsen. Und zu einem geschützten Raum geworden, in dem die Schülerinnen und Schüler anders als im Klassenverbund agieren können. „Im normalen Unterricht geht es häufig strikt nach Lehrplan“, sagt Matthes Hacker, elf Jahre alt. „In der Schülerfirma können wir die Themen mitbestimmen.“

Vom Schulkiosk an den heimischen Esstisch

Und wenn Kinder und Jugendliche selbst Themen setzen, bringt diese intrinsische Motivation sie dazu, Dinge zu tun, die ganz außergewöhnlich sind. So ist es in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass Schüler:innen noch vor der ersten Stunde in die Schule gekommen sind, um zu kochen. Wer oder was schafft das schon? Mit Blick auf die Teilnehmenden der Schülerfirma sagt Margret Seewald: „Wenn man Hilfe braucht, sind die immer da. Das ist so schön, da könnte ich heulen.“

© Jörg Farys / DKJS

Dabei gehört zur ganzen Geschichte auch, dass ihr Ansatz der größtmöglichen Nachhaltigkeit nicht immer jeder geschmeckt hat. „Am Anfang war es nervig, dass Frau Seewald immer nur Umweltthemen machen wollte“, sagt Isamarie Müller, 14 Jahre und Chefin der Schüler:innenfirma. Sie lebt bei ihren Großeltern, die in Sachen Ernährung durch DDR-Verknappung geprägt sind. Da ist der Generationenkonflikt schon vorgezeichnet. Und das ist durchaus gewollt. Neben Isamarie steht Matthes, schneidet Salat und hat ein Auge auf die Linsenbolognese. „Wir bringen die Themen aus der Schülerfirma mit an den heimischen Küchentisch“, sagt er. Dazu gehören in erster Linie die Rezepte, die die Schüler:innen mit nach Hause bekommen. Aber dazu gehören auch jene Denkanstöße, die in einer Zeit entstanden sind, als die Welt für alle auf Pause stand.

Kreativ durch die Coronaepidemie

Mit Beginn der Corona Pandemie im Frühjahr 2020 änderte sich der Alltag der Schüler:innen und Schüler abrupt. Statt im Klassenraum fanden sie sich in Videokonferenzen wieder. Auch das gemeinsame Kochen war nicht mehr möglich. Aber irgendwie mussten sie doch die Firmenphilosophie, etwas für das Klima zu tun, auch dann umsetzen können, wenn der Kochlöffel gerade Pause hat. Die Videokonferenzen wurden zum kreativen Workshop für neue Ansätze. Eine Idee: Im besten Fall sollte die gesamte Schule angeregt werden, etwas fürs Klima zu tun. Entstanden ist das „Gute-Taten-Glas“, das – der Name lässt es vermuten – zu guten Taten anregen soll und in jeder Schulklasse steht. Für jede gute Tat im Sinne des Klimas darf eine Schraube ins Glas gelegt werden. Das kann die Fahrt zur Schule mit dem Rad statt dem Auto sein, der Kauf eines regionalen und fair produzierten Lebensmittels oder das Gießen der Pflanzen im Innenhof der Schule.

© Jörg Farys / DKJS

Jeden Freitag werden die Gläser gewogen. Die Klasse mit den meisten Schrauben gewinnt eine Tafel Fairtrade Schokolade. Der Rekord liegt bei 142 Gramm. Verantwortlich für die Gläser und damit verantwortlich für Input und Monitoring der Fortschritte ist der sogenannte Klimadienst – zwei Personen aus jeder Klasse, die die guten Klimataten aufschreiben, die Schrauben im Glas nachhalten und neue Ideen entwickeln. Wie vieles, was unter der Leitung von Margret Seewald in der Gesamtschule in Köthen passiert, ist auch die Idee mit den Schrauben im Glas eine, die zusätzlich auf einer metaphorischen Ebene funktioniert. „Die Schrauben im Glas symbolisieren die Stellschrauben im Kopf. An die müssen wir ran, die müssen wir verändern“, sagt sie.

Das „Gute-Taten-Glas“ ist eine der Ideen, die aus der Schüler:innenfirma heraus entwickelt wurden und die auch außerhalb der Schule für viel Beifall gesorgt hat. Für das „Gute-Taten-Glas“ ist die Schüler:innenfirma mit dem Titel „Energiesparmeister“ ausgezeichnet. Begründung: Die Sichtbarmachung von Klimaschutz. Eine schöne Auszeichnung, die die Schule gleichzeitig für den bundesweiten Wettbewerb in Berlin qualifizierte. Für Luisa Rose, 14 Jahre, war das ein ganz besonderer Moment, als sie mit ihren Mitschüler:innen aus der Schüler:innenfirma in die Hauptstadt gereist ist. Sie rührt im Topf mit der Linsenbolognese. Neben den Töpfen und Schalen steht eine Trophäe und eine Urkunde „Energiesparmeister Silber“. „Da haben 1200 Schulen mitgemacht“, sagt sie. „und wir sind zweiter geworden.“ Die Freie Schule Anhalt ist mit rund 400 Schüler:innen eine eher kleine Schule, die Stadt Köthen steht mit weniger als 30.000 Einwohnern nicht im Verdacht, eine Metropole zu sein. „Es war krass, dass wir als kleine Schule aus einem kleinen Bundesland so etwas geschafft haben“, sagt sie.

© Jörg Farys / DKJS

Prägende Erlebnisse für die Zukunft

Man sieht ihr den Stolz an, wenn sie über den Trip nach Berlin spricht. Genauso wie Isamarie. Die Chefin der Schüler:innenfirma holt ihr Handy aus der Tasche. Fotos von ihr vor dem Brandenburger Tor, beim Barfußspaziergang durch die Hauptstadt. Es sind Bilder eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Die Selfies als Beweis für Erlebnisse, die sich in das kollektive Bewusstsein dieser Gruppe einprägen werden. Ereignisse, die für die weitere Entwicklung womöglich entscheidender sind, als eine gute Note in der nächsten Klausur. „Ich glaube, dass die Teilnehmenden der Schüler:innenfirma später weniger Berührungsängste haben werden, wenn es darum geht eine Firma zu gründen oder sonst etwas auf die Beine zu stellen“, sagt Margret Seewald. Kochen lernt man auch bei ihr im Hauswirtschaftskurs, die Erfahrungen, eine Idee zu entwickeln und damit Erfolg zu haben – das gibt es so eher in der Schüler:innenfirma als im Klassenzimmer.

Das Essen ist fast fertig, zur Linsenbolognese gibt es Vollkornspaghetti, die unterschiedlichen Salatzutaten liegen in einzelnen Schüsseln. Gesundheitsbewusst und individuell, so wie diese Generation. Während sich die Schüleri:innen um den Tisch versammeln, läuft Margret Seewald noch von Kochinsel zu Kochinsel. Bei allem Engagement der Schüler:innen braucht es Lehrer:innen wie sie, die immer wieder mit neuen Impulsen und ihrer Energie an die Gruppe herantritt. Im Distanzunterricht während Corona hat die Schüler:innenfirma einen Song geschrieben. Es geht um den Klimawandel und darum, was jede einzelne Person dafür tun kann. Damit wollen sie bei einem Songcontest mitmachen. Jetzt aber wird gegessen. Wer die Welt retten will, braucht etwas im Magen.