HonigNachhaltigkeit

Hauptstadtbienen: die Berlin Bees aus Schöneberg

Bei der Schüler:innenfirma Berlin Bees der Emil Molt Akademie im Berliner Stadtteil Schöneberg geht die nächste Generation der Honigproduzent:innen an den Start. Die Herausforderung dabei: Sie wollen etwas Eigenes schaffen und das Vergangene bewahren.

Die Beständigkeit Berlins ist die Veränderung. Immer wieder erfindet sich die Hauptstadt neu. Das spürt man an vielen Ecken. So auch auf dem Weg zur Emil Molt Akademie, einer Berufsschule auf Berlins „Roter Insel“ im Osten des Stadtteils Schöneberg. Kurz vor der Schule stehen drei Menschen in ihren 30ern auf der Monumentenstraße gegenüber eines kleinen Varieté Theaters und begutachten ihr Werk. Die Fassade wurde neu gemacht, das Schild ausgetauscht. Etwas Etabliertem neues Leben einhauchen – genau das passiert wenige Meter weiter im Erdgeschoss der Emil Molt Akademie an einem Donnerstag im September 2022. Knapp 20 Schüler:innen sind zusammengekommen, um die Schüler:innenfirma Berlin Bees wieder mit Leben zu füllen. Berlin Bees ist die Marke, unter der Honig direkt in der Schule produziert, zu weiteren Produkten verarbeitet und verkauft wird. Welche Produkte jeweils hergestellt werden, entscheidet jede neue Klasse selbst – alle zwei Jahre wird die Firma an den nächsten Jahrgang übergeben. In der Vergangenheit wurden etwa Lippenbalsam, Kerzen oder Süßwaren wie Kekse und Bienenstich produziert. Angefangen hat alles vor gut sieben Jahren als Teil des Wirtschaftsunterrichts. Das Ziel: Die Schüler:innen sollen das unternehmerisch, ökologisch und sozial nachhaltige Handeln erlernen und praktizieren. Unterstützt werden sie dabei von der Deutschen Kinder- und Jungendstiftung (DKJS), etwa durch die Veranstaltung „Fortbildungstag for future“, bei dem sich die Berlin Bees 2022 in verschiedenen Workshops zum Thema Nachhaltigkeit weiterbilden und mit anderen Schüler:innenfirmen vernetzen konnten. Schon in der Gründungsphase war die DKJS immer an der Seite der Schüler:innen und hat mit Workshops zur Buchhaltung, Marketing u.v.m. dabei geholfen, die ersten Gründungsschritte zu gehen. Auch den Weg zur ersten gemeinwohlzertifizierten Schüler:innenfirma sind die Berlin Bees gemeinsam mit der DKJS gegangen. Die Schüler:innen werden durch eine konstante Begleitung dabei unterstützt, ihre Ideen zu verwirklichen und wenn es ein praktisches Ausprobieren braucht, organisiert die DKJS auch mal einen Tag in einem Makerspace, um neue Produktideen zu entwickeln.

© Jörg Farys / DKJS

Jetzt aber müssen sich die Schüler:innen des neuen Jahrgangs erstmal in die Strukturen der Firma hineinfinden. Und weil diese Teil des Lehrplans ist, beginnt es ganz klassisch: Leo Skverer, Lehrer des Wirtschaftskurses und Leiter der Schüler:innenfirma, öffnet das Klassenbuch und ruft einzeln die Namen auf. Mohammed und Annalena sind schon einmal da – und damit zwei Drittel der Geschäftsführung. Annalena Lopes, 19 Jahre alt, muss direkt mit Kritik starten. Beim letzten Mal habe die Produktion ihren Job nicht richtig gemacht, die Küche sei nach dem Abfüllen des Honigs dreckig gewesen, der Backofen verklebt. „Das geht so nicht“, sagt sie. Dabei steht sie am Tisch vor der Tafel. Dort ist die Geschäftsführung angesiedelt. Im Raum befinden sich vier weitere Tischgruppen, die für die jeweiligen Abteilungen stehen. Neben der Geschäftsführung und der Produktion sind das Einkauf, Buchhaltung sowie Marketing & Vertrieb. „Mit der Schüler:innenfirma kann ich die theoretischen Inhalte des Wirtschaftskurses direkt in die Praxis umsetzen“, sagt Leo Skverer. Dazu gehört auch die strikte Arbeitsteilung. Die Aufteilung in Sitzgruppen soll dabei helfen, dass alle ihre jeweiligen Verantwortungen besser verstehen. An jedem der Tischgruppen sitzen zwei bis fünf Schüler:innen, die jetzt den Blick in Richtung Pult gelenkt haben.

© Jörg Farys / DKJS

Die Schüler:innenfirma als geschützter Raum

Denn die Impulse für die einzelnen To Dos kommen von der Geschäftsführung. „Verkaufen wir den Honig in der Pause?“, fragt Annalena in Richtung Marketing & Vertrieb. Leo Skverer findet die Frage gut. „Sehr gute Frage, genauso ist es richtig.“ Dabei läuft er durch die Reihen, spricht Einzelne immer mal wieder an. Er wirkt eher wie ein Coach als wie ein Lehrer. „Das Ziel ist“, sagt er, „dass ich irgendwann gar nichts mehr sagen muss.“ Bis dahin wird es noch ein bisschen dauern. Die Schüler:innenfirma ist ein geschützter Raum, in dem sich die Schüler:innen ausprobieren können. Der Lehrer und Leiter Leo Skverer ist dabei Sparringpartner, Unterstützer und – wenn es sein muss – auch Mahner. Es ist diese Art des Teamgedankens, der die Schüler:innenfirmen zu besonderen Orten macht.

Teamgedanke, Kooperationsbereitschaft und Arbeitsteilung herrschen auch auf Leitungsebene. Während Leo Skverer die organisatorische Seite der Schüler:innenfirma koordiniert, unterstützt Sylvia Ramp von der Freien Schule für Sozialpädagogik, die im gleichen Gebäude angesiedelt ist, bei der Honigproduktion. Gemeinsam mit Mohammed Said Dourji, 18 Jahre alt, bereitet sie gerade alles für die Winterfütterung vor. In einem Edeka-Einkaufswagen stehen vier Zehn-Kilogramm-Ketchup-Plastikeimer. Darin: Zuckerwasser für die Bienen. Mohammed ist erst vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Sein Onkel ist selbst Imker. Mohammed hat ihn gefragt, zu welchem Preis sie den Honig verkaufen sollten. „Wir sind zu billig“ sagt er. 500 Gramm sollen elf, 250 Gramm sechs Euro kosten. „Wir verwenden keine Farbstoffe, keine Zusatzstoffe. Wir sollten ein Video machen, in dem wir zeigen, wie natürlich wir den Honig herstellen“, sagt er.

© Jörg Farys / DKJS

Bio oder nicht?

Eine Idee als Impuls für die Gruppe. „Sind wir eigentlich bio?“, fragt Annalena. Fragezeichen in vielen Gesichtern. Auch Leo Skverer weiß es nicht so recht. Sylvia Ramp – selbst Imkerin – ordnet ein: „Was wir machen, ist nachhaltig und unsere Arbeitsweise ist biologisch“, sagt sie. Um das Wort „bio“ auf das Produkt schreiben zu dürfen, bräuchte es aber ein offizielles Siegel. So eines zu bekommen sei aufwändig und kostenintensiv. Womöglich ein Ansporn, die Kapazitäten zu erhöhen, damit es sich vielleicht eines Tages lohnt, sich um ein solches Zertifikat zu bemühen. Im Hier und Jetzt aber müssen die Bienenstöcke winterfest gemacht werden. Mohammed zieht sich einen weißen Imkerschutz über den Kopf, sein freundliches Lächeln blitzt durch das Gitter vor seinem Gesicht. Mit dem Einkaufswagen geht es raus zu den Bienenstöcken. Neben dem Zuckerwasser für die Bienen hat Sylvia Ramp einen sogenannten Smoker dabei ­– ein Metallgefäß, in dem Holzspäne mit Kohlen befeuert werden. Der so erzeugte Qualm beruhigt die Bienen beim Öffnen der Stöcke.

Und Beruhigung haben die Bienen dringend nötig, als Mohammed den Deckel der Bienenstöcke anhebt, um die einzelnen Waben herauszuholen. Zusätzlich wendet sich Mohammed an die Bienen. Er spricht leise, emphatisch, fast liebevoll. „Sorry, tut mir leid, liebe Bienen. Nee, bitte nicht in den Pulli fliegen.“ Allein, es bringt nichts. Nach kürzester Zeit hat er die erste Biene in seinem Schutzhandschuh. Doch er bleibt ruhig. Seine ausladenden Bewegungen in dem weißen Anzug lassen ihn ein bisschen wie einen Weltraumfahrer aussehen. Behutsam nimmt er die Waben heraus, Bienen fallen davon ab. Das Zuckerwasser wird aus den Ketchup-Eimern in kleinere Plastikbehälter gefüllt und dann in den Bienenstock gegeben. Auf das Wasser werden Korken gelegt, wie sie sonst in Weinflaschen stecken. Sie fungieren als eine Art Landeplattform. So können die Bienen an das Zuckerwasser herankommen, ohne dabei zu Schaden zu kommen. Und während Sylvia Ramp und Mohammed draußen noch die Bienen für den Winter versorgen, stehen im Innern Annalena und Husein Ibrahim, 24 Jahre alt, vor dem Regal im Raum der Schüler:innenfirma und versuchen, Sinn in das zu bringen, was sie vorfinden.

© Jörg Farys / DKJS

Platz für neue Ideen

Auf den einzelnen Regalbrettern liegen unzählige Gläser, Deckel und sonstiger Kram. „Die Vorgänger haben ein bisschen Chaos hinterlassen“, sagt er. „Wir müssen das erst einmal für uns ordnen.“  Platz für neue Ideen schaffen, aber das Vergangene bewahren – darum geht es nicht nur in der aktuellen Phase der Berlin Bees. Es sind Vorgänge, die etwa auch bei Familienunternehmen anstehen, wenn eine Firma an die nächste Generation übergeben wird. Eine Sache, die beibehalten werden soll, ist das Logo, der Markenkern: ein schwarz-gelber Kreis, in der Mitte eine Biene auf einer Wabe. Darüber der Firmenname mit der Unterzeile: „Fresh aus’m Kiez“. Auch wenn das Logo gleich bleibt, sollen die Etiketten angepasst werden. Marie Olsson, 16 Jahre alt und Mitglied im Team Marketing & Vertrieb, sitzt vor dem PC und versucht sich daran. „Leo, wir haben ein Problem, du musst uns helfen.“ Leo Skverer schafft es, für jeden und jede gleichermaßen ansprechbar zu sein. Er hilft bei der Frage der Gläsersortierung genauso wie beim Gestalten des Logos.

Und er versucht, möglichst viel in diesen eineinhalb Stunden Unterricht anzustoßen. „Das Marketing muss die Social-Media-Kanäle wieder aufmachen. Wir sind wieder da, das müssen die Leute erfahren“, sagt er und schickt der betreffenden Abteilung die Zugangsdaten für Instagram und Co. Annalena hat in der Zwischenzeit die Tafel gewischt und mit Kreide in großen Lettern „Berlin Bee’s; KAS22“ angeschrieben. Darunter hat sie zwei Din-A4-Seiten gepinnt, es sind die To Dos des gesamten Schuljahres. , um die Bienen im Winter vor ungebetenen Gästen zu schützen. Im Dezember geht es in die Herstellung der Produkte aus Bienenwachs, im April 2023 wird der Honigraum aufgesetzt. Der Unterricht neigt sich dem Ende zu. Sylvia Ramp kommt mit Mohammed und einem großen Lob zurück in den Klassenraum. „Mohammed hat ein gutes Händchen für die Bienen, ein echter Bienenkönig.“

© Jörg Farys / DKJS

Der Anfang ist gemacht. Leo Skverer ist zufrieden. „Wir haben erst im August angefangen und ich finde schon jetzt cool, was die leisten.“ Die Schulglocke ertönt. Dort, wo gerade noch ein Schwarm Schüler:innen die Weiterentwicklung der Marke Berlin Bees vorangetrieben haben, herrscht jetzt Leere. Eine einzelne Biene, die Mohammed mit seiner Schutzkleidung hereingebracht haben muss, schwirrt durch den ansonsten verwaisten Klassenraum.